Über uns

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Am 24.06.2010 stand im Magdeburger Stadtrat u. a. die Abstimmung über einen Bürgerentscheid zum Aufbau der Kopie der Ulrichskirche auf der Tagesordnung. Es gehört sicher für jede betroffene Stadt zu den schwärzesten Tagen der Nachkriegsgeschichte, dass Kirchen, die im Krieg zwar beschädigt wurden, aber durchaus zu retten gewesen wären, gesprengt wurden. Dennoch konnte sich eine Vielzahl an Magdeburger/innen so gar nicht damit anfreunden, dass ein Bau, der seit über 50 Jahren aus dem Stadtbild verschwunden ist, dessen frühere Umgebung sich inzwischen völlig verändert hat und den die meisten der heute hier lebenden Menschen überhaupt nicht mehr kennen gelernt haben, als Kopie wieder auferstehen soll.  

Bei einem Bauvorhaben, das das Gesicht unserer Stadt für lange Zeit spürbar beeinflussen wird, sollten die Bürger/innen mit einbezogen werden. Viel zu oft schon sind Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen worden, die sie nicht nachvollziehen konnten und zu Resignation und Politikverdrossenheit führten. So fand der Vorschlag des OB Dr. Trümper, zeitgleich mit der Landtagswahl am 20.03.2011 mittels Bürgerentscheid zur Ulrichskirche die Menschen mitreden zu lassen, in der Bevölkerung große Zustimmung. Das Kuratorium Ulrichskirche hätte hierfür noch fast ein Jahr Zeit gehabt, für seine Idee zu werben.

In der Ratssitzung am 24.06.2010 gab es dann eine fast zweistündige Diskussion, an deren Ende dann zwar eine Mehrheit FÜR den Bürgerentscheid stimmte, was aber letztendlich doch an der in diesem Fall erforderlichen 2/3-Mehrheit scheiterte.

Mitglieder und Sympathisanten des Kuratoriums Ulrichskirche versuchen seit 2007 mit Worten wie

„…unattraktive Freifläche, an einer breiten, nach damaligem SU-Vorbild geschaffenen alleeähnlichen Straße, die jegliche Atmosphäre durch ihre Weiten vermissen  lässt…“, (Vst. MD 08.05.2010)  

unsere im Krieg stark beschädigte und von unseren Großeltern wieder aufgebaute Stadt abzuwerten. Ein anderer betitelt Menschen, nur weil sie anderer Meinung sind, als

„provinziell" (Prof. Schönfeld, Vst. 21.04.2010).  

Einen Bürgerentscheid als demokratisches Mittel, die Menschen, die hier leben, entscheiden zu lassen, lehnte das Kuratorium verbissen ab. Noch immer wäre Zeit gewesen, die Bevölkerung umfassend zu informieren, von der eigenen Meinung zu überzeugen. Doch traute man der eigenen Überzeugung nicht? Ist der wahre Grund für die Ablehnung des Bürgerentscheides - wie es ein Stadtrat am 24.06.2010 treffend formulierte - das allen klar ist, wie er ausgehen würde: Die Mehrheit würde sich gegen den Neubau stellen?  

Immer öfter ist zu lesen, die Mehrheit der Magdeburger befürworte den Bau des Kirchenneubaus. Wir konnten das so nicht glauben. Jede/r Einzelne von uns hat aus wirklich sehr vielen Gesprächen mit den Menschen vor Ort einfach andere Erfahrungen. Und wir fragten uns, ob unsere Meinung so weit von der Realität entfernt ist - und natürlich lassen wir uns auch vom Gegenteil überzeugen. Mit dem großen Schritt (der bei einer Hürde von 10 000 zu sammelnden Unterschriften in sechs Wochen nicht leicht gefallen ist), ein Bürgerbegehren zu initiieren, dessen Ziel die Durchführung eines Bürgerentscheids ist, wollten wir Klarheit schaffen - für uns persönlich ebenso wie für Gegner und Befürworter des Projekts. Es betrifft uns – unsere Innenstadt, unser erkämpftes Recht auf Mitsprache, unser Demokratieverständnis - und unsere Steuergelder, denn auch Gelder in Fördertöpfen fallen nicht vom Himmel! Wir sind auch bereit, ein Ergebnis FÜR die Kirche zu akzeptieren, wenn es denn so ausfallen sollte...

Das Bürgerbehren, initiiert von den drei Magdeburgern Bettina Fassl, Torsten Maue und Rolf-Dieter Weske, erhielt schon nach kurz nach Bekanntgabe des Starts vielfältige Unterstützung: Mitglieder vieler Parteien – ob im Stadtrat vertreten oder nicht – haben sich unverzüglich der Initiative angeschlossen, u. a. gleich zu Beginn Frau Carola Schumann (FDP), Stadträte der Fraktion SPD-Tierschutzpartei-future, der Linken, aber auch die Freien Wähler, Piraten... Verschiedene Vereine, Geschäfte, Versicherungsbüros und natürlich auch Privatpersonen, denen das Thema keine Ruhe lässt, haben sich nach dem "Startschuss" Listen besorgt, weiter gestreut und dafür gesorgt, dass das Bürgerbegehren von Anfang die breite Öffentlichkeit erreichte. 

   

 

v. l. n. r.: 1.) Aktion startet vor dem Rathaus, Magdeburg am 16.07.2010, 2.) Übergabe der Unterschriften, Magdeburg am 09.09.2010

 

Fotos: Josef Fassl, Magdeburg

 

Mit dem gemeinsamen Ziel, die erforderlichen 10 000 gültigen Stimmen wahlberechtigter Magdeburger zu sammeln, fühlten sich die angesprochenen Bürger/innen wieder ernst genommen. Sie sahen, es ist möglich, nicht alle Entscheidungen als gegeben hinzunehmen. In Zeiten allgemeiner Politikverdrossenheit hat der Start eines Bürgerbegehrens wieder Hoffnung auf Mitsprache und Mitgestaltung geweckt. Auf das Ergebnis der Sammlung waren wir alle sehr gespannt. Viele von uns sind geschichtsbewusste und –interessierte Menschen und es tut uns sehr leid, dass die Original-Ulrichskirche nicht gerettet wurde, aber mit Kopien alter Bauten holt man die Vergangenheit nicht zurück.  

Wir haben inzwischen mit über 16 000 Unterschriften das Soll weit übertroffen. Die Unterschriften vieler Menschen aus dem Umland - hier geboren oder anderweitig mit unserer Stadt verbunden - die extra den Weg nach Magdeburg auf sich genommen hatten, mussten wir zurückweisen. Das tat uns sehr leid, aber da wir uns gegen eine Entscheidung des Magdeburger Stadtrats wandten, konnten und durften eben nur wahlberechtigte Magdeburger/innen mit unterzeichnen.  

An unserem Stand in der Innenstadt samstags wurde nicht gefragt: "Wie weit seit Ihr?", sondern: "Wie weit sind wir?" Wie der erkämpfte Bürgerentscheid nun ausgehen mag, steht noch in den Sternen. Was aber schon jetzt gesagt werden kann: Wir sind eine Bilderbuch-Bürgerinitiative: Nicht einige Wenige sagten, was wann zu tun sei, sondern Jede/r fühlte sich für das Ergebnis mit verantwortlich. Dafür vielen Dank an alle fleißigen Helfer!!!! 

Wir haben den Magdeburger/innen eine Brücke gebaut. Darüber gehen muss aber jeder selbst. Und wenn die Bürger/innen sich für den Kirchennachbau entscheiden, dann soll es so sein. Wir werden sehen...

 

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